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Vor oder zurück, oder: Wie fühlt sich deine Katze?

Nala ist gerade erst in ihr neues Zuhause eingezogen. Ihr neuer Mensch ist entzückt und wünscht sich, dass Nala sich schnell wohlfühlt. Sie selbst jedenfalls ist schon ganz vernarrt in die hübsche, aber noch sehr schüchterne Kätzin. Wie kann die frischgebackene Katzenhalterin Nala vermitteln, dass sie sich in ihrer Anwesenheit sicher fühlen kann?

Eine katzengerechte Gestaltung der Wohnung mit zahlreichen geschützten und warmen Plätzen am Boden und in der Höhe ist für eine unsichere Katze besonders wichtig. Diese ermöglichen es ihr, ihre neue Umgebung und neue Menschen aus einer sicheren Position zu beobachten und teilzuhaben, ohne gleich mitten im Geschehen sein zu müssen. Auch verlässliche Tagesabläufe und Rituale geben Katzen einen Rahmen, an dem sie sich orientieren können.

Es gibt aber auch einen speziellen Aspekt im Umgang des Menschen mit einer Katze, der Gold wert sein kann, um sich aus Sicht der Katze als vertrauenswürdiger und angenehmer Mensch zu erweisen: Die Beachtung der Bewegungstendenz. Das klingt jetzt vermutlich erstmal sperrig. Was ist mit Bewegungstendenz gemeint? Es geht hier um einige Feinheiten der Körpersprache deiner Katze, nämlich ob deine Katze aktiv in einen Kontakt einsteigt und ob sie ihren Körperschwerpunkt verlagert und wenn ja, in welche Richtung.

Natürlich kann eine Katze aufstehen und weggehen oder gar weglaufen, wenn ihr etwas unangenehm ist. Wenn sie das auf deine Annäherung hin tut, kannst du sicher sein, dass sie diese unangenehm fand und du ihre Wohlfühlgrenze gerade überschritten hast. Und ich vermute mal, das möchtest du eher nicht? Dann hast du ab jetzt die Chance, genauer hinzuschauen und frühzeitiger und besser einzuschätzen, wie deine Katze sich mit deinem Kontaktangebot fühlt. Und hier kommt die Verlagerung des Körperschwerpunktes ins Spiel, mit diesen kleinen feinen Bewegungstendenzen, die wir entdecken können, wenn wir nur aufmerksam sind:

Im sozialen Miteinander spielt der Abstand zwischen Mensch und Katze eine große Rolle. Eine Kontaktaufnahme ist oft mit einer Verringerung der Distanz verbunden. Ist der Kontakt erwünscht, dann wird diese Distanzverringerung erwidert oder toleriert: Mensch und Katze gehen einander entgegen. Oder die Katze springt auf den Schoß und der Mensch streichelt kurz ihr Köpfchen. Manchmal sind die Zeichen, dass eine Kontaktaufnahme willkommen ist, jedoch subtiler, z.B. wenn die Katze ihrem Menschen den Kopf zuwendet, ihm offen entgegenschaut und dann das Köpfchen in die angebotene Hand schmiegt. In diesem Fall hat die Katze sich wenig bewegt, aber durch das Schmiegen des Kopfes hat sie ihrerseits den Abstand zur Hand verringert und die Intensität des Kontaktes erhöht. Und was ist mit ihrem Körperschwerpunkt passiert? Sie hat ihn in Richtung der menschlichen Hand verlagert, also auf den Menschen zu.

Auch die Vergrößerung des Abstands zu einem Menschen kann in Form eher kleiner körpersprachlicher Zeichen erfolgen. Eine Katze, die den Kopf wegdreht, erhöht die Distanz zwischen sich und ihrem Sozialpartner, wenn auch nur um einige Zentimeter. Unter Katzen ist dies ein deutliches Zeichen, dass gerade kein Interesse an einer Kontaktaufnahme besteht. Würdest du als Mensch nun trotzdem noch dichter an deine Katze herantreten und sie vielleicht sogar berühren, könntest du mit einiger Wahrscheinlichkeit weitere deutliche Indizien dafür erkennen, dass deine Katze sich damit unwohl fühlt, und zwar durch Abwehr, durch Erstarren oder Distanzvergrößerung im Kleinen. Wie Abwehr aussieht, ist dir vermutlich bekannt: Deine Katze würde drohen, nach dir schlagen oder schnappen. Erstarren bedeutet, dass die Katze komplett passiv auf die Kontaktaufnahme oder Berührung reagiert, meist mit erhöhter Muskelspannung. Wenn dir das mit deiner Katze passiert, kannst du dir relativ sicher sein, dass sie die Berührung gerade nur erträgt, aber nicht genießt. Viele Menschen ignorieren dieses Erstarren ihrer Katze. Vielleicht hoffen sie, die Katze würde gleich merken, dass die Berührung doch angenehm ist? Oder vielleicht ist ihr eigenes Bedürfnis nach Nähe gerade so groß, dass die Wünsche der Katze für sie in den Hintergrund treten?

Tatsächlich kann sich so manche introvertierte Katze nach wenigen Streichelsekunden aktiv auf das Kontaktangebot einlassen. Das würdest du dann wieder daran merken, dass sie sich der Hand entgegenschmiegt, eine offene und entspannte Körperhaltung einnimmt und zum Weitermachen auffordert, wenn du kurz das Streicheln pausierst. Wird eine Katze aber nicht innerhalb weniger Sekunden „weich“, kannst du sicher sein, dass ihr die Berührung gerade nicht die geringste Freude bereitet – und du dich nicht als vertrauenswürdiger und angenehmer Mensch erweist.

Häufig bauen Katzen jedoch darauf, dass eine Distanzvergrößerung im Kleinen als klares Signal verstanden wird. Sie ziehen den Kopf ein, die Ducken sich unter der Hand weg, sie lehnen sich leicht vom Menschen weg. Eine aufrecht sitzende Katze stellt dann vielleicht die Vorderpfoten besonders eng vor die Hinterpfoten und zieht ihren Kopf so zurück, dass ihre Nasenspitze nicht weit über die Vorderpfoten hinausragt. Sie geht auf größtmöglichen Abstand, ohne ihre aktuelle Position zu verlassen. Auch im Liegen kann eine Katze ihren Körperschwerpunkt weiter nach hinten verlagern, den Kopf zurückziehen sowie die Schnurrhaare oder den Schwanz ganz eng anlegen.

Nalas Halterin tut gut daran, auf diese feineren Kommunikationsversuche ihrer Katze zu achten. Da Katzen diese körpersprachlichen Zeichen auch schon auf größere Entfernung geben, kann sie schon auf mehrere Meter Entfernung beginnen zu beobachten, ob dies gerade ein guter Moment für ihren Annäherungsversuch sein könnte oder ob sie in lieber direkt abrechen soll. Wenn Nala erlebt, dass ihre Halterin sie so gut lesen kann und ihr Bedürfnis nach Distanz respektiert, wird sie sich vermutlich schneller auf ihren neuen Menschen einlassen können.

Auch Menschen mit weniger schüchternen Katzen machen oft die Erfahrung, dass ihre Katzen offener und anschmiegsamer werden, wenn sie im Kontakt mit ihnen mehr darauf achten, ob dieser für die Katze gerade wirklich willkommen ist.

Ich wünsche dir viel Spaß dabei, deine Katze in den nächsten Wochen mal wieder etwas genauer zu beobachten, als man das oft im Alltag tut. Wenn du dann deine Kontaktangebote daran orientierst, ob deine Katze sich vorlehnt, also dir leicht entgegenkommt, oder eher millimeterweise zurückweicht, wirst du dir bestimmt zusätzliche Punkte auf ihrer So-toll-ist-mein-Mensch-Skala verdienen können.

by Christine Hauschild