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Können „Entspannungszerstäuber“ Training für Silvester ersetzen?

Der Jahreswechsel mit dem hierzulande üblichen Feuerwerk stellt für zahlreiche Katzen eine starke Stressbelastung dar. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein der Menschen für diese Belastung und mit ihm der Wunsch, ihre Katzen in dieser Zeit zu unterstützen. Seit einigen Jahren wächst ebenfalls der Markt an Produkten, die über die Zerstäubung und Verdampfung unterschiedlicher Geruchsstoffe Entspannung für die kätzische Psyche versprechen.
Können wir diese Produkte gut einsetzen, damit unsere Katzen die nächste Silvesterknallerei angstfrei überstehen?

Allgemeine Wirkungsweise

Es lassen sich grob zwei Arten von „Entspannungszerstäubern“ unterscheiden:
Die Wirkungsweise der einen Gruppe basiert auf dem Einsatz von in der Regel künstlich hergestellten Pheromonen. Pheromone sind Geruchsstoffe, die von Katzen (und Menschen und Hunden etc.) produziert und – vermutlich – unbewusst ausgewertet werden. Bei uns Menschen haben Pheromone zum Beispiel unterschwellig Einfluss auf die Partnerwahl. Verschiedene Pheromone wirken unterschiedlich, sie können z. B. sowohl Alarmbereitschaft oder auch Entspannung und Wohlgefühl auslösen. Für die verschiedenen Produkte der wohl bekanntesten Marke Feliway kommen synthetisierte Pheromone zum Einsatz, die den echten Katzenpheromonen nachempfunden sind. Diese entfalten z. B. bei Gesichtsmarkierungen des Reviers (F3 Pheromon) oder bei der Versorgung des Nachwuchses (F4 Pheromon) eine wohlige und beruhigende Wirkung. Gleiches gilt für Pheromonprodukte anderer Anbieter.

Darüber hinaus gibt eine wachsende Gruppe von Zerstäuberprodukten, die verschiedene pflanzliche Stoffe einsetzen, denen ebenfalls eine ausgleichende und beruhigende Wirkung zugesprochen wird.

Ausflug zur Preparedness Hypothese

Diese Hypothese geht auf den amerikanischen Psychologen und Wissenschaftler Martin Seligman zurück. Sie besagt, dass es bestimmte Reize gibt, auf die Lebewesen besonders häufig und intensiv mit Angst reagieren, weil sich dies evolutionär als hilfreich erwiesen hat. Dazu gehören für uns Menschen beispielsweise Dunkelheit, Unbekanntes, plötzliche Bewegungen und Geräusche, aber auch das Rascheln im Gebüsch oder spontane Schreckreaktionen auf Spinnen oder Skorpione. Die sofortige Reaktion auf solche Reize hat sich als definitiv hilfreich erweisen, das Überleben sichern.

Natürlich gilt das gleiche für Katzen (und andere Tiere). Die Schreckreaktion auf das plötzliche Auftauchen schlangenartiger Formen, die viele arme Katzen in den vergangenen Jahren in vermeintlich lustigen Gurkenvideos gezeigt haben, ist ein Beispiel dafür.

Warum lohnt es sich nun, mit Blick auf Silvester diesen kleinen theoretischen Ausflug zu machen? Weil laute plötzliche Geräusche und Lichtblitze zu solchen Reizen gehören, die nach der Preparedness Hypothese evolutionär tief in den Säugetiergehirnen verankert sind. Und weil Forschungen gezeigt haben, dass sich die Reaktionen auf diese Reize weniger leicht verringern lassen als auf andere Reize.

Feuerwerkphänomene rund um den Jahreswechsel lösen in Katzen also womöglich Ängste aus, die tief verwurzelt sind. Es ist prinzipiell eine ausgesprochen gute Idee, sich bei Knallgeräuschen, Licht- und Feuerblitzen sowie Brandgeruch in Sicherheit zu bringen, wenn man den nächsten Tag erleben möchte. Und es ist prinzipiell auch eine gute Idee, sich nicht nur darauf zu verlassen, dass beim letzten Mal ja alles gut gegangen ist. Denn der nächste Feuerstrahl könnte einen Treffen, der nächste Baum auf einen stürzen.

Erfahrungen aus der Praxis

Einige Katzen schaffen es grundsätzlich besser als andere, sich an Angstauslöser zu gewöhnen. Sie reagieren dann tatsächlich im Zeitverlauf weniger ängstlich und schreckhaft und können womöglich sogar entspannt bleiben. Dies kann auch für Silvester gelten, vor allem, wenn Silvester noch nie starke Ängste bei einer Katze ausgelöst hat. Solche Unterschiede lassen sich unter anderem dadurch erklären, dass Katzen – wie auch wir Menschen – unterschiedliche Anfälligkeiten für Ängste (Vulnerabilität) sowie unterschiedliche Lebenserfahrungen mitbringen.

Silvesterfeuerwerk ist ein Angstauslöser, an den überdurchschnittlich viele Katzen sich offenkundig nicht gewöhnen können und jedes Jahr wieder Ängste erleben. Dies ist einerseits durch die Preparedness Hypothese zu erklären. Andererseits aber auch dadurch, dass in den meisten Gegenden Feuerwerk besonders selten vorkommt und Gewöhnungseffekte kaum eintreten können.

Können Entspannungszerstäuber hier helfen?

Prinzipiell bergen sie das Potenzial, Entspannung positiv zu beeinflussen und Ängste zu mildern. Dies ist für die Pheromonprodukte auch erforscht und lässt sich häufiger bei ihrem Einsatz in dauerhaft belastenden oder belasteten Situationen beobachten. Zum Beispiel nach einem Umzug der Katze mit ihrer Familie in eine neue Wohnung – die Katze muss sich an viel Neues gewöhnen, ohne jedoch realen Bedrohungen oder plötzlichen Schreckreizen ausgesetzt zu sein.

Bei realen Bedrohungen und solch plötzlich auftretenden Reizen zeigt sich in der Praxis, dass Zerstäuber alleine typischerweise nicht ausreichend sind, um akute Angstzustände oder Angst-/Panikreaktionen auf plötzliche starke Reize zu verhindern oder nennenswert abzumildern. Dies gilt insbesondere dann, wenn wir es mit akuten und evolutionär verankerten Angstauslösern zu tun haben. Beides ist im Zusammenhang mit Silvester der Fall.

Deshalb ersetzen Entspannungszerstäuber Training für Silvester … nicht!

Sie können aber eine zusätzliche Unterstützung darstellen, und zwar zu angstreduzierenden und sicherheitsstärkenden Maßnahmen, die im Vorfeld zu Silvester mit der Katze zusammen spielerisch umgesetzt werden können.

Dazu gehört zum Beispiel die sogenannte Desensibilisierung gegenüber Silvestergeräuschen, die wir bereits in einem anderen Artikel vorgestellt haben. Eine andere wundervolle Übung, die vielen Katzen sogar großen Spaß bereitet, ist die Etablierung eines sicheren Superplatzes. Dabei geht es darum, einen Karton, einen Korb oder zum Beispiel auch eine Transportbox zu einem Ort zu machen, der sich für die Katze wie das sicherste Refugium auf der ganzen Welt anfühlt und sie sich darin deshalb richtig gerne aufhält.

Um das zu erreichen, wird der gewählte Platz natürlich besonders angenehm ausgestattet. Vor allem aber wird er in vielen, vielen „Trainingssituationen“ mit allem Möglichen verknüpft, was für die einzelne Katze wirklich angenehm ist:
das können z. B. Leckereien sein, aber auch Kuscheln mit einem geliebten Menschen oder von diesem gebürstet zu werden.

Der Aufenthalt an diesem positiv aufgeladenen und klug von allzu starken Reizen abgeschirmt aufgestelltem sicheren Superplatz kann der Katze helfen, beim Feuerwerk weniger starke Angst zu entwickeln und so neue Silvestererfahrungen zu machen.

Unter diesen Bedingungen kann dann z. B. ein Pheromonzerstäuber unterstützende Wirkung entfalten.

by Christine Hauschild

 

Und wenn du mehr darüber erfahren möchtest, wie du deine Katze zum Jahreswechsel auf ganz unterschiedlichen Ebenen unterstützen kannst,
empfehlen wir:


Guten Rutsch, Miezi!
Tipps und Training für ein entspanntes Silvester

Christine Hauschild
Taschenbuch
56 Seiten
ISBN-13: 9783744873888
Verlag: Books on Demand
Erscheinungsdatum: 11.08.2017

 

Viel Spaß bei den diesjährigen Silvestervorbereitungen!